Wer durch die Rheydter Innenstadt geht, sucht vergebens nach Fachwerk und malerischen Gassen. Was stattdessen da ist – Raster, Beton, klare Linien –, nimmt kaum jemand bewusst wahr. Am Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 13. September, lädt die Untere Denkmalbehörde dazu ein, genau das zu ändern.
Anlass ist ein doppeltes Jubiläum: Seit 2016 steht der überwiegende Teil der Rheydter Innenstadt als Denkmalbereich unter Schutz. Diese Auszeichnung teilt Rheydt deutschlandweit nur mit zwei weiteren Städten – Frankfurt am Main und Kassel. Zum zehnten Jahrestag rückt der Denkmalbereich in den Mittelpunkt des bundesweiten Aktionstags, der in diesem Jahr unter dem Motto „NetzWERKE: Denkmale & Infrastruktur“ steht.
Der Hintergrund liegt in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs. Von den 11.174 Gebäuden, die Rheydt vor Kriegsbeginn zählte, blieben nach den Bombardements der Jahre 1943 und 1944 lediglich 934 unbeschädigt. Die Zerstörung bedeutete einen tiefen Einschnitt – und zugleich eine städtebauliche Ausnahmesituation. Mit der Aufbauplanung wurde der Architekt Alfons Leitl betraut, der im Städtebau zu diesem Zeitpunkt noch völlig unerfahren war und dennoch einen Plan vorlegte, der bis heute das Stadtbild prägt.

Statt einer Rekonstruktion der zerstörten Vergangenheit entschied man sich für eine moderne Stadt: Proportion statt Ornament, Konstruktion statt Dekor. Leitl ordnete 550 kleinteilige Parzellen neu, verhängte ein Neubauverbot und legte 1948 einen Aufbauplan vor, der schließlich breite Zustimmung fand. Die dabei geschaffene Gesetzesgrundlage wurde zum Vorbild für das Wiederaufbaugesetz von Nordrhein-Westfalen vom 29. April 1950 und ging unter dem Begriff „Lex Rheydt“ in die Geschichte ein.
Sichtbarstes Ergebnis ist die Kammbebauung auf der Südseite der Hauptstraße – neun viergeschossige Kopfbauten in Abständen von rund 22 Metern, die den langgezogenen Straßenraum rhythmisch gliedern. Unter ihnen verläuft ein überdachter Gang entlang der Schaufenster. Bundesweit gilt der Rheydter Kammblock als der sichtbarste Vertreter dieser Baufigur, neben Umsetzungen in Kiel und Kassel.
Den Auftakt des Wiederaufbaus bildete das Haus Hauptstraße 30, das Leitl 1948/49 als Musterbau errichtete. Seine Fassade mit dem diagonalen Furchennetz und den backsteinroten Rautenfeldern gehört zu den vier Gebäuden im Denkmalbereich, deren Fassaden ausdrücklich unter Denkmalschutz stehen. Wer genauer hinsieht, entdeckt daneben Sgraffito-Brüstungen, Klinker und Kleinmosaik, Flugdächer, verglaste Treppenhäuser und original erhaltene Haustüren mit eloxierten Zierleisten in Schwarz und Gold.

Auch die Großbauten erzählen ihre Zeit: das 1948 errichtete Sparkassengebäude mit seinen Platten aus fränkischem Muschelkalk, das Atlantis-Haus von 1953 mit Juwelier und Lichtspielhaus an der neuen Hauptkreuzung – das Kino ist seit 2016 geschlossen – sowie das City-Parkhaus an der Mühlenstraße, 1972 als begehbare Rotunde mit rund 280 Stellplätzen fertiggestellt. Sein Denkmalwert wird derzeit geprüft.
Der Aktionstag beginnt um 13 Uhr im Evangelischen Gemeindezentrum Ernst-Christoffel-Haus an der Wilhelm-Strauß-Straße 34. Nach der Begrüßung folgt um 13.15 Uhr ein Vortrag von Luis Kohl, seit Juli Leiter der Unteren Denkmalbehörde Mönchengladbach. Ab 14 Uhr starten Führungen durch den Denkmalbereich.
Begleitend hat die Untere Denkmalbehörde eine Broschüre herausgegeben, erarbeitet von Birgit Lembeck. Bezirksbürgermeister Ulrich Elsen verweist im Grußwort darauf, dass Baukultur für Identität und Zusammenhalt in einem vielfältigen Stadtbezirk steht. Oder, wie es in der Broschüre heißt: Nur was gesehen und erkannt wird, kann auch wertgeschätzt werden.
Quelle: Broschüre „Nachkriegsstadt Rheydt – Eine Entdeckungsreise durch den Denkmalbereich“, Stadt Mönchengladbach, Dezernat VI – Fachbereich Bauordnung und Denkmalschutz, Untere Denkmalbehörde. Konzept, Text, Fotos, Gestaltung und Redaktion: Birgit Lembeck M.A., Juli 2026.
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