19. September 2026

Lott jonn! Heimatmagazin für Mönchengladbach

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Glosse: Frei fahren am Weltkindertag – aber abends bitte wieder zu Hause sein

Von Thomas M. Patalas

Am Sonntag ist Weltkindertag, und der Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen macht ein Geschenk: Wer noch keine 15 ist, fährt am 20. September kostenlos mit Bus und Bahn. Kein Ticket, keine Kontrolle am Automaten, keine Frage nach dem Fahrziel. Einfach einsteigen.

Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr erklärt dazu, worum es eigentlich geht. Kinder sollen lernen, Fahrpläne zu lesen, Umstiege zu meistern und sicher ein- und auszusteigen. Das klingt nach einem Bildungsauftrag, den der Verbund sonst eher an sich selbst richten müsste. Wer schon einmal an einem Bahnsteig stand und beim Blick auf die Anzeigetafel ins Grübeln kam, weiß, dass das Lesen von Fahrplänen auch im Erwachsenenalter eine Disziplin bleibt, in der man sich fortlaufend verbessern kann.

Bemerkenswert ist die Feinabstufung der Altersgrenzen. Kinder unter sechs Jahren fahren ohnehin immer kostenlos, brauchen aber eine Begleitung. Als Begleitung gilt laut Verbund ein Erwachsener oder ein Kind, das mindestens sechs Jahre alt ist. Ein Sechsjähriger ist also berechtigt, einen Fünfjährigen durch einen der größten Ballungsräume Europas zu führen. Zwölf Monate Lebenserfahrung genügen, um vom Schutzbefohlenen zur Aufsichtsperson aufzusteigen. In kaum einer anderen Branche geht Karriere so schnell.

Man muss dem Verbund zugutehalten, dass er nirgends behauptet, die Kinder sollten allein losziehen. Von Alleinfahrten steht in der Mitteilung kein Wort, begleitet wird ausdrücklich ebenso frei gefahren. Die Einladung, die Umgebung zu erkunden, richtet sich an alle. Nur klingt das Wort Erkunden eben nach mehr als nach einer Fahrt zur Oma und zurück. Es klingt nach Aufbruch, nach Landkarte, nach weißen Flecken am Rand des Verbundgebiets.

Und damit stellt sich die Frage, die in keiner Pressemitteilung steht. Wer holt die Kinder wieder ein, die den Erkundungsauftrag zu ernst nehmen? Für das Hinkommen ist gesorgt, der Rückweg ist ebenfalls kostenlos, aber das Rückwegbewusstsein wird nicht mitgeliefert. Es ist die eine Kompetenz, die sich nicht im Tarifsystem abbilden lässt.

Hoffentlich wird alles gutgehen, wie an jedem Weltkindertag zuvor. Die meisten Kinder werden begleitet unterwegs sein, die anderen kennen ihre Linie. Und wer den Tag wirklich zum Erkunden nutzt, soll wenigstens eines im Gepäck haben: die Fahrplanauskunft für die letzte Verbindung. Frei fahren am Weltkindertag ist eine schöne Sache. Abends wieder zu Hause sein aber auch.


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